Odissi - klassischer indischer Tanz

Odissi ist ein klassischer Tanz, der in Orissa (einem der östlichsten Bundesstaaten Indiens) entstanden ist. Seine Bewegungen sind fließend, anmutig und kraftvoll zugleich. Seine Formen erinnern an die elegant geschnitzten Tempelfiguren des alten Indiens.

Zu den Quellen des Odissi-Tanzes zählen: (1) die traditionelle Tempeltanzkultur (Devadasis, Maharis und später die Gotipuas), (2) die klassische Sanskritliteratur über bildende und darstellende Künste (vor allem das "Natyashastra" und das spätere "Abhinaya Darpana"), (3) die Etablierung des Odissi in der Zeit nach der Unabhängigkeit Indiens (hauptsächlich durch Pankaj Charan Das, Kelucharan Mohapatra und Deba Prasad Das).

Die Grundtechnik des Odissi besteht aus zwei kontrastierenden Positionen: (1) dem kraftvollen, kantigen "Chouka" und (2) dem eleganten, gebeugten "Tribhanga". Eine Odissi-Choreografie umfasst eine Vielzahl von Kombinationen dieser Grundformen. Dadurch können die Bewegungen mit einem Akzent auf der starken, geradlinigen Qualität des "Tandava" oder auf der weichen, nachgiebigen Qualität des "Lasya" gestaltet sein.

Die Chouka-Position: 

Der Oberkörper ist aufrecht, Knie und Ellbogen sind jedoch im rechten Winkel gebeugt. Arme und Beine werden so weit wie möglich nach außen gestreckt. Dadurch nimmt der Körper eine dynamische, kantige Haltung ein. Arme und Schultern bilden ein Rechteck. Ursprünglich entstand zwischen Knien und Zehen ein weiteres Rechteck, indem der Abstand zwischen den Füßen vergrößert und die Knie noch stärker gebeugt wurden. Der Name "Chouka" leitet sich wahrscheinlich vom Sanskritwort "Chaturkoṇa" (Rechteck) ab.

Die Tribhanga-Position: 

Der Name "Tribhanga" leitet sich von den Sanskrit-Wörtern "tri" (drei) und "bhaṅga" (Beugung) ab. Die drei Beugungen werden erreicht, indem (1) das Gewicht auf ein Bein verlagert, indem die Hüfte über das Standbein geschoben und die Knie zur Seite gebeugt werden, (2) der Brustkorb zur anderen Seite geschoben wird und die Schultern waagerecht gehalten werden und (3) der Kopf zu der Seite geneigt wird, auf die das Gewicht verlagert wurde.

Die traditionellen Instrumente der Odissi-Tanzmusik sind Trommeln, Flöte, Saiteninstrumente, Gesang und ein gesprochener Rhythmus, genannt "Bol". Der Rhythmus der Musik wird von der kraftvollen Fußarbeit der Tänzerin begleitet, die durch Ketten aus Glöckchen um die Knöchel, genannt "Gungurus", hervorgehoben wird (siehe Abbildung).

Die Musik wird für jedes Stück speziell komponiert und aufgenommen. Nach den Anweisungen des Choreografierenden entwickeln die Musizierenden zunächst die Grundmelodie und den Rhythmus und nehmen ein längeres Stück mit mehreren Variationen auf. Der Choreografierende wählt verschiedene Teile dieser Aufnahme aus und erarbeitet eine Rohchoreografie. Darauf aufbauend erstellen die Musizierenden die finale Aufnahme, die zur Ausarbeitung und Verfeinerung des eigentlichen Stücks dient. Diese intensive Arbeit, an der ein Dutzend Profis beteiligt sind, dauert Wochen oder sogar Monate. Daher ist jedes Odissi-Stück und seine Musik so wertvoll und einzigartig.

Das Repertoire einer klassischen Odissi-Aufführung besteht aus fünf verschiedenen Elementen: (1) "Mangalacharan", ein Lobpreis einer bestimmten Gottheit, der Bühne und des Publikums; (2) "Sthayee" oder "Batu", das die Techniken des Odissi-Tanzes vorstellt; (3) "Pallavi", das durch abstrakte Formen ein bestimmtes Gefühl erzeugt; (4) "Abhinaya", das eine traditionelle Geschichte über die Taten eines bestimmten Gottes/einer bestimmten Göttin darstellt; (5) "Mokshya", das alle Anwesenden auf eine höhere spirituelle Ebene erhebt.

Spiritualität ist ein wichtiger Aspekt des Odissi-Tanzes. Vor allem die Hingabe findet im Tanz ihren Ausdruck. Verschiedene Götter und Göttinnen des Hindu-Pantheons verkörpern unterschiedliche spirituelle Qualitäten, die von den Tänzern zum Ausdruck gebracht werden. Die zentrale Gottheit in der Odissi-Tradition ist Lord Jagannath.

Es heißt, dass ein Tänzer durch die Aufführung des Odissi-Tanzes sich selbst und das Publikum auf eine höhere spirituelle Ebene erheben kann.

Die Wagenräder des Sonnentempels in Konark in Ostindien sind ein Wahrzeichen des Bundesstaates Odisha und finden sich als Stickereien auf lokalen Textilien (Saris etc.) wieder. Diese Räder wurden zum Symbol für den wiederbelebten Odissi-Tanz, da ihre runde Form an die fließenden, harmonischen Bewegungen dieses Tanzes erinnert. Jedes Jahr im Februar findet vor der malerischen Kulisse dieses prächtigen Tempels eines der größten Odissi-Tanzfestivals statt.